Es fühlen: Über Hannah Perrys „Rage Fluids“

Hannah Perry, Beach Body Ready, 2018
Digitaldruck auf Autofolie, courtesy die Künstlerin

Kurator Jürgen Dehm über Hannah Perry’s Rage Fluids im Künstlerhaus Graz.

Am Anfang stand wieder das Auto. Oder genauer: ein Foto von vier Sportwagen. Hannah Perry hatte die Aufnahme selbst mit ihrem Mobiltelefon gemacht, 2016, als sie sich einige Zeit in Montréal aufhielt. Die Künstlerin entwickelte dort neue Arbeiten für „I feel we think bad“, einer Ausstellung zur Bedeutung und Rezeption von Netzwerken in der aktuellen Kunst bei Arsenal art contemporain, einem privat geführten Kunstzentrum. Neben Perry waren in der Schau auch der aus England stammenden Ed Fornieles und der Kanadier Matt Goerzen vertreten. Perry nutzte in der Ausstellung in Montréal eine Gerüststruktur, um darauf ihre verschwommenen Videos und ihre sich aus ihrem Bildarchiv speisenden Drucke zu präsentieren. Das Auto als Thema und Material tauchte insbesondere an zwei Stellen auf: Für ihre Arbeit „Good vibes/bad vibes“ hatte die Künstlerin frei stehende Gerüstaufsteller mit silberner Autofolie überzogen, die durch die Bassläufe von dahinter befestigten Subwoofer-Lautsprechern in Vibration versetzt wurden. Aus verbeulten und gepressten Autoteilen, die in einem weiteren Schritt mit gestischem Farbauftrag ergänzt wurden, formte Perry weiterhin - als ästhetisierte Schrotthaufen - bildhauerische Arbeiten im Raum.

Ein Schrottplatz ist auch der Ort, an dem Perry das eingangs erwähnte Foto aufnahm. Die vier darauf zu sehenden Wagen wurden bereits ausgeschlachtet, die Reifen abgenommen, die Dächer abgerissen, ihre glänzenden, empfindlichen Oberflächen sind beschädigt und fahl. Platzsparend aufeinander gestapelt warten sie auf ihre Verschrottung. Es sind ausrangierte, beschädigte Hüllen, die trotz ihrer Versehrtheit jedoch auch - durch die Perspektive, aus der sie fotografiert wurden: schräg von vorne unten - Angriffslust und Aggression evozieren.

Das Spannungsfeld zwischen Verletzlichkeit und Härte, zwischen Begehren und Wut ist es, dem sich Hannah Perry auch in ihrer ersten institutionellen Einzelausstellung „Rage Fluids“, gezeigt im Künstlerhaus, Halle für Kunst & Medien in Graz, widmet. Der Bezug auf die Materialität von Sportwagen und die damit verbundenen Assoziationsfelder wie Maskulinität und Fetischisierung, welcher in der Ausstellung in hohem Maße nachvollziehbar ist, findet sich bereits in den ersten Arbeiten, die an den renommierten Royal Academy Schools in London zwischen 2011 und 2014 entstanden. Er liegt aber einer weiter zurückliegenden biografischen Prägung zu Grunde. Geboren 1984 in Chester, im Norden Englands, wächst Hannah Perry als Kind der Arbeiterklasse auf. Männer sind gewöhnlich Schweißer und Stahlbauer, die Söhne treten in die Fußstapfen der Väter. Vor allem die jungen Sportfahrer, die mit ihren aufgemotzten Karren mit wummernden Bässen durch Chester fahren, prägen sich ein. Manche von ihnen scheinen ihre tiefergelegten Wägen mehr zu lieben als die Frauen, die sie auf dem Beifahrersitz geparkt haben.

Hannah Perry beginnt sich am theorielastigen Goldsmiths College in London mit Texten zu Genderfragen und zum Fetischismus zu befassen, macht 2009 dort ihren Bachelor-Abschluss in Fine Arts. Die Erfahrungen, die sie in Chester als Heranwachsende machte, möchte sie besser verstehen können. Diese Erinnerungen werden an den Royal Academy Schools schließlich zum bestimmenden Material ihrer Arbeiten. Ihre ersten Versuche macht sie mit Collagen, arbeitet dann mit Videoaufnahmen, Soundclips, gefundenem Bildmaterial und Objekten. Anstatt mit dem Pinsel imaginäre Welten in der Malerei zu erschaffen, kombiniert sie Vorgefundenes und Aufgezeichnetes, verfolgt eine Ästhetik des Rohen, Ungefilterten, die sie durch zusätzlich hinzugefügte Beschädigungen verstärkt. Insbesondere arbeitet sie sich am Verhältnis von persönlichen Erfahrungen und der Repräsentation über die zeitaktuellen Kanäle nach Außen ab. Für sie als Künstlerin stellt sich die Frage, wie sie ihre Identität in ihrer Kunst sichtbar machen kann, im Feld von Verletzlichkeit und Zurschaustellungen, von eigenen Bedürfnissen und der Repräsentation über Facebook und Instagram.

In „Feeling it“, einer Soundarbeit, die sie im Rahmen ihrer Abschlussausstellung an den Royal Academy Schools zeigt, hat sie eine Ausdrucksform gefunden, die sie die nächsten Jahre nicht loslassen wird. Für diese Arbeit hat die Künstlerin eine quaderförmige, flache Metallstruktur entwickelt, die sie anschließend auf einer Seite mit silberfarbener Autofolie bezogen hat. Durch die Bassläufe von dahinter angebrachten Subwoofern wird die Folienoberfläche der hängend an einer Wand präsentierten Arbeit kontinuierlich in Vibration versetzt. Neben auf den Körper übergreifenden Soundwellen, bewirkt insbesondere die Spiegelung der Folie, dass Betrachter_innen der Arbeit Abbilder ihrer Selbst in Bewegung versetzt sehen.

Für die Schau in Graz vier Jahre später hat Perry das technische Prinzip von „Feeling it“ in eine ortsspezifische Soundinstallation übertragen. Während sie vorher in Los Angeles oder etwa in der eingangs erwähnten Ausstellung in Montreal Varianten dieser Arbeit immer weiter in den Raum hineingezogen hatte - also die bildhauerischen Qualitäten der Arbeit unter Offenlegung der Rückseite betonte -, entwickelte sie für „Rage Fluids“ ein auf die Architektur des Künstlerhauses abgestimmtes, installatives Ensemble. Die Befestigung mit dünnen Stahlseilen an den Gitterstrukturen des Oberlichts der drei sich durch die 21 x 14 m große Ausstellungshalle schlängelnden Bestandteile der Arbeit - von denen der längste 20 m misst -führte schließlich dazu, dass nun nicht nur die Bassläufe aus den Subwoofern durch das Künstlerhaus schweben, sondern die gesamte Arbeit selbst frei in der Luft hängt. Zudem entschied sich Perry erstmals, eine hochwertige Autofolie aus dem Luxussektor in „Chrome Rose Gold“ zu verwenden, mit dem Effekt, dass die darin wiedergegebenen Reflexionen eine „Aura der Veredelung“ aufzuweisen scheinen. Die Bassläufe aus den Subwoofern versetzen die Membran aus Autofolie großflächig in Vibration, diesmal unter weiterer Betonung der Erzeugung von Verzerrung.

Hannah Perry gab der installativen Arbeit in der großen Ausstellungshalle im Künstlerhaus den Titel „Shock Absorber“, und setzte sie so in direkte Beziehung zu „A Soft Shock“, ihrem ersten 360°-Film, präsentiert in der Apsis. Darin wechseln sich elegante Aufnahmen von freischwebend erscheinenden Körperpartien unterschiedlicher Geschlechter mit Material aus dem Archiv Perrys ab, in denen die bekannte Ästhetik ihrer demolierten und mit dem Mobiltelefon aufgenommenen Videos spürbar ist. Eingestreut sind immer wieder auch Textpartien und Fragesätze wie „Not a bad body in my bone, a body blow, beach body ready“ oder „How many calories does crying burn?“ Als Betrachter_in ist man umgeben von den Filmaufnahmen, kann eintauchen in die Fragmente der Gedanken- und Gefühlswelt der Künstlerin. „A Soft Shock“ basiert auf einem von Perry verfassten, 14-seitigen Skript, das mit Gedankenfetzen, unmittelbaren emotionalen Ausbrüchen und Anschuldigungen durchsetzt ist. Die zuweilen intimen und persönlichen Artikulationen sind über das Voiceover des Films nachvollziehbar. Offen bleibt, ob sich die Ausführungen auf das Ende einer romantischen Liebesbeziehung beziehen, oder um den Verlust einer geliebten Person kreisen.

Während „A Soft Shock“ die persönlichen Erfahrungen Perrys seit 2015 in den Vordergrund rückt, nehmen die von der Künstlerin für die Ausstellung gefertigten Wandarbeiten mit Titeln wie „Spoilers“, „Grills“ oder „Mechanism“ wieder stärker Bezug auf die Themen „Auto“ und „Maskulinität.“ In diesen Arbeiten auf spiegelnden Aluminiumtafeln, in denen Materialien wie Autofolie und Autolack mit Digital- und Siebdrucken kombiniert werden, sind Perrys Anfänge mit der Collagetechnik noch deutlich spürbar. Perry bringt allerdings auch Verfahrensweisen der Décollage ein, wenn sie Teile der aufgetragenen Materialen wieder kraftvoll abgerissen und entfernt hat. Die verwendeten Bildvorlagen lassen ihren Ursprung nur erahnen. Stammen sie - wie der zum Männlichkeitsklischee zerronnene, geöffnete Mund der Blondine in „Liquid Language“ - aus einer Werbekampagne aus einer Männerzeitschrift, oder aus dem Selfie-Bildarchiv der Künstlerin? Beides wäre möglich. Die gestischen Farbpartien in diesen Arbeiten konterkarieren nicht nur die darin eingesetzten Drucktechniken. In der Kunstgeschichte wurde der Pinselstrich gemeinhin als Ausdruck künstlerischer Individualität bewertet, im amerikanischen Abstrakten Expressionismus schließlich zum Signum genuin männlicher Genialität verklärt. So lassen sich die betont kraftvoll mit Autolack aufgetragenen Farbspritzer in Kombination mit den anderen Materialien aus dem Sportwagenbereich vor der Folie überspitzter „Männlichkeitsreferenzen“ lesen. Die Textfragmente in diesen Arbeiten wiederum, etwa „Sex Dreams in which I am perfect“ oder „My neck, my back, my Lipitor and Prozac“, sind biografisch geprägt. Sie finden sich auch im 360°-Film „A Soft Shock“ wieder.

Zu finden sind Textabschnitte und Fragmente des Voiceovers aus „A Soft Shock“ auch in der Performance „Rage Fluids“, die Hannah Perry am Tag der Eröffnung ihrer Ausstellung in Graz zeigte. Vier Performer_innen setzten darin das Oberthema der Ausstellung - das Spannungsverhältnis von Anziehung und Abstoßung, von Begehren und Wut - in unterschiedlichen Konstellationen um.

Hannah Perrys Kunst bewegt sich zwischen dem großen Auftritt und der großen Posen auf der einen Seite, und der zarten Darbietung von Verletzlichkeit und Intimität auf der anderen. Perry entstammt einer Generation, in der Myspace von Facebook überholt wurde, in der Bilder über WhatsApp verschickt und auf Instagram präsentiert werden. Soziale Netzwerke nutzt die Künstlerin, um ihren Lebensstil und ihre Persönlichkeit nach außen zu tragen. Momente ihres Alltags speichert sie auf Festplatten und SD-Karten ab, um bei Bedarf einige von ihnen als Bildmotive in ihren Arbeiten einzusetzen. In ihrer Praxis geht Hannah Perry zuerst intuitiv vor und lässt den alten Mythos weiterleben, nach dem Künstler_innen Werke aus ihrem Innenleben heraus schaffen. Dass Perry in ihrer Kunst zuvorderst persönliche Erfahrungen verarbeitet, macht diese aber besonders zeitgemäß. So werden Themen wie Feminismus oder die Rolle, die Künstlerinnen im Kunstmarkt des 21. Jahrhunderts einnehmen können, sichtbar. Hannah Perrys Kunst ist dabei aber nicht an Grenzen gebunden.

24.08.2018