Interview: Julia Weißenberg zu "Schneesturm"

Die Ästhetik des Digitalen wird in Julia Weißenbergs „Schneesturm“ (2012) dem traditionellsten Medium der Kunstgeschichte, der Malerei, gegenübergestellt. Im Gespräch gibt die Künstlerin Auskunft über die Technik des Gedächtnissports, die Rolle der Malerei und dem vermeintlichen Gegensatz von digitaler und analoger Kunst.

Jürgen Dehm: Den Ausgang nimmt dein Film „Schneesturm“ vom Gemälde "Snow Storm – Steam-Boat off a Harbour’s Mouth” (1842) von Joseph Mallord William Turner. Warum hast du gerade diese Malerei gewählt?

Julia Weißenberg: In vielen von William Turners Gemälden spielt die industrielle Revolution mit all den technischen Neuerungen ja eine Rolle. Dazu kommt so ein Gefühl der Entmaterialisierung, das sich über den Malstil transportiert. Da steckt auch die Geschwindigkeit der Lokomotive drin und das sich damit verändernde Sehen. Das waren Aspekte die mir inhaltlich gefallen haben. Letztlich habe ich mich dann aber recht intuitiv für das Schneesturm-Gemälde entschieden. Ich habe recherchiert, es gesehen und wollte genau das Bild haben. Ich hatte dazu auch diese Assoziation des weißen Rauschens bzw. des Bildrauschens gehabt, das man früher auch „Schnee“ nannte. Im Endeffekt hatte ich dann richtig Glück, dass das Bild wirklich auch in der Ausstellung in London hing. Ich glaube, es sollte kurz nach meinem Dreh dann zurück ins Depot gehen.

JD: Die Erinnerung, die von der Gedächntissportlerin im Film wiedergegeben wird, basiert auf dem Binärcode einer digitalen Version von Turners Gemälde. Wie würdest du die memorialen Qualitäten des Digitalen im Vergleich zum Analogen bewerten?

JW: Wenn du mit dem Analogen das Gedächtnis meinst, würde ich sagen, dass die mit einem Backup gesicherte Festplatte ein besserer Datenspeicher ist, weil sich das Gedächtnis mit jedem Erinnern verändert und anfällig für Täuschungen ist. Aber das Gedächtnis, oder weiter gefasst das Gehirn, ist natürlich viel mehr als ein Datenspeicher. Überhaupt ist der Vergleich vom Computer und dem Gehirn ziemlich merkwürdig, finde ich. Denn die Erinnerung ist ja nicht einfach nur eine Ansammlung von Informationen, die wir im Laufe unseres Lebens aufgenommen haben, sondern auch ziemlich maßgeblich für unser Identitätsgefühl. Wenn man sich außerdem noch bewusst macht, wie diffizil die Prozesse sind, die gewährleisten, dass unser Gehirn funktioniert, könnte man sich in jedem Augenblick wundern. Wenn es aber um die reine Datenspeicherung geht, ist das Digitale natürlich klar im Vorteil. Es ist enorm, welche Möglichkeiten es gibt, online zu recherchieren – wie niederschwellig man sich über das Internet Wissen aneignen kann.

JD: Weshalb war dir der Verweis auf Cornelia Beddies, einer der besten Gedächtnissporterlinnen der Welt, wichtig?

JW: Ich bin im Zuge meiner Recherche für diese Arbeit tatsächlich mit ihr in Kontakt getreten. Sie war sehr offen und hilfsbereit und das hat mir einen sehr guten Einblick in den Gedächtnissport verschafft. Aus diesem Kontakt ist dann auch noch eine zweite Arbeit entstanden. Bei der Konzeption von „Schneesturm" war mir wichtig, am Anfang zu suggerieren, dass es sich um einen tatsächlichen „Versuchsaufbau“ handelt. Dafür war es nötig, eine reale Person ins Spiel zu bringen. Ich wollte den Betrachtenden die Möglichkeit geben, „mitzufiebern“ bzw. darüber nachzudenken, wie diese Person diese ganzen Binärziffern memoriert. Daher ist der erste Teil des Videos auch relativ lang. Faszination aber auch völliges Unverständnis sind Reaktionen, die ich bei Betrachter_innen oft beobachten konnte. Ich wollte dem Memorieren und dem_r Betrachter_in Raum geben. Ich denke, wenn man von Vornherein gewusst hätte, dass es alles gestaged ist, würde man die Dauer stärker in Frage stellen. Es geht ja beim Memorieren auch darum, die abstrakte Information in etwas surreales, buntes, witziges – kurz in etwas emotional aufgeladenes – zu übersetzen. Das heißt, der Binärcode, den wir als Betrachtende sehen, ist nur die sichtbare Ebene. Vor „Cornelias“ innerem Auge spielt sich eine ganz andere Bilderwelt ab. Das ist es auch, was mich daran so fasziniert. Ein bisschen platt formuliert: Es ist nicht alles so wie es scheint. Die Idee war, diesen Gedanken auf die Form des Videos zu übertragen.

JD: Betreibst du selbst Gedächtnissport?

JW: Nein. Ich hatte dieses Thema zu dem damaligen Zeitpunkt aber schon länger auf dem Schirm und war fasziniert davon. 2012 hatte ich mich sehr eingehend mit der Erinnerung, der Hirnforschung und dem fiktionalen Anteil in unserer Wirklichkeitswahrnehmung beschäftigt. Ich empfand es als logische Konsequenz, auch den Gedächtnissport genauer zu untersuchen. Außerdem gefallen mir Menschen, die für eine bestimmte Sache so eine Leidenschaft entwickeln. Immerhin ist das Ganze mit sehr viel Zeit und Fleiß verbunden.

JD: Ist das Digitale die zeitgemäße künstlerische Ausdrucksform?

JW: Das Digitale ist definitiv zeitgemäß. Aber ich glaube nicht, dass es nur eine zeitgemäße künstlerische Ausdrucksform gibt. Das wäre auch recht langweilig, oder nicht?! Für meine eigene künstlerische Arbeit sind digitale Medien sehr wichtige Werkzeuge. Aber ich finde es auch sehr spannend zu beobachten, wie in den letzten Jahren bestimmte Materialien wie z.B. Papier, Keramik, Stoff oder auch Pflanzen eingesetzt werden. Gerade im Bezug auf das Thema der Materialität im Kontext des Digitalen tut es meiner Meinung nach total gut, mit physischem Material und der Möglichkeit der taktilen Wahrnehmung konfrontiert zu werden.

JD: Welche Rolle spielt das Digitale in deiner Praxis grundsätzlich?

JW: Ich arbeite in den meisten Fällen mit Video bzw. digitalen Bildern. Insofern spielt es sowohl formal als auch inhaltlich eine große Rolle. „Das Digitale“ ist aber auch ein riesiges Thema, das auf unterschiedliche Weise irgendwie jeden betrifft und sämtliche Bereiche durchwirkt. Für meine Arbeit ist die Verbreitung und die Fülle von Bildern ein wichtiger Aspekt. Es transportieren sich mit den Bildern ja auch die dazugehörigen Narrative und/oder Normen hinter den Bildern. Aber das Thema Big Data, beeinflusst durch meine Aufenthalte in Südkorea und China, ist z.B. auch etwas, für das ich mich interessiere.

11.08.2018