In ihrer Reaktion auf die Ausstellung „Hate Speech. Aggression und Intitmität" schreibt die Künstlerin Verena Dengler über Liebe, Hass und Grauzonen.

„Liebe und Hass liegen ja so waaahnsinnig nah beieinander“ höre ich es immer wieder wie das Echo einer inneren Facebook-Kommentiererin. Als gäbe es neben dem Herz-Emoji auch einen Shortcut für solche Sätze, gleich neben „Dieser Artikel ist schon 3 Jahre alt!“. Echo ist eine Bergnymphe, deren Talent, gute Geschichten erzählen zu können, von Zeus benutzt wurde, um seine Gattin Hera damit von seinen ganzen Affären abzulenken. Ich glaube, sie wurde von ihm in Schmuck bezahlt. Als es auffliegt, zuckt Hera aus. Echo kann von jetzt an nichts Eigenständiges mehr sagen, sondern nur noch die Worte von anderen wiederholen, und zwar speziell nur die letzten Satzteile – die Arme zum Teilobjekt Degradierte. Zuerst denkt man, „na wirklich arm“, aber sie war halt auch einfach echt selber so blöd, sich für Zeus einspannen zu lassen. Vielleicht war es ihr wurscht, zu welchem Zweck sie ihr großes Talent – ihre Geschwätzigkeit – einsetzt, vielleicht war sie einfach nur krass in ihre eigenen Worte verliebt. Dann hat sie sich als Zugabe, oder eigentlich logischerweise in ihr Gegenbild, nämlich in Narziss verliebt, der zwar schön, aber komplett selbstbezogen ist. Zwischen den beiden kommt kein gescheites Gespräch zusammen, vielleicht logisch, wenn man nur Muttersprache spricht, obwohl man denkt, „naja, wenn sie einfach seine Sachen wiederholt, das muss ihm eigentlich eh taugen, muss er doch geil finden, sich immer nur selbst zuzuhören, die Frau ein wandelnder Verstärker, ein Echo seiner selbst“. Oder wie es RAF Camora formulieren würde: „Steh' vor meinem Spiegelbild und wichse auf mich selbst.“ Aber am Ende verschmäht er sie natürlich. Jeder weiß, dass der Typ nicht lieben kann. Sie passen aber eigentlich gut zusammen, ständig große Sehnsucht und Teleologie, anstelle von Leben direkt vor der Nase – hier: die Attersee-Wurst ist grad im Angebot! Super! Die Freuden des Alltags. Immerhin darf sie irgendwie sterben. Oh la la, das darf man nicht zu laut sagen, weil sonst bastelt Simon Stone daraus eine weitere seiner feministischen Lesearten „der griechischen Klassiker“, was ganz Cineastisches für die Bühne, weil der blöde Narziss muss ja sein ganzes Leben lang sein eigenes Spiegelbild oder die dritte Wand anschmachten. Scheiße. Weiß nicht, was schlimmer ist. Mitleid? So ein mythisches Liebespaar ist das abturnende Gegenteil von Amor und Psyche. Also sagen wir wirklich, Liebe und Hass lägen nah beieinander. Liegt das so nahe beieinander wie Indien und Pakistan, und schon gibt’s Probleme mit Kaschmir? Ausgerechnet am Valentinstag 2019 entzündete sich dieser Territorial-Konflikt erneut durch einen islamistischen Terroranschlag. War nur eine Frage der Zeit. Um was geht’s? Wem gehört der geil klingende Scheiß? K.a.s.c.h.m.i.r. Und warum kommt mir beim Thema „Hate Speech – Aggression und Intimität“ als erstes der Mythos von Echo und Narziss in den Sinn? Hass kann ein starkes Band zwischen Menschen sein, die Intensität und Drama unter Umständen mit Tiefe oder Leidenschaft oder vielleicht sogar mit Liebe verwechseln. Das hat, glaube ich, etwas mit der neurologischen Verfasstheit von Sucht zu tun. Kokain zum Beispiel hemmt direkt ein Dopamintransportersystem und führt so zu gesteigertem Transmitterspiegel im synaptischen Spalt. Fehlende oder schlecht definierte Grenzen, oder philosophische Uneinigkeit, wo jemand anfängt und der andere aufhört, kann zu permanenten Kämpfen darüber und zu einer endlosen Aneinanderreihung von Grenzverletzungen führen. Am schlimmsten wird in der Konstellation der Wunsch nach Autonomie empfunden, als wäre es ein aggressiver Akt, jemandem als gleichberechtigte/r PartnerIn auf Augenhöhe gegenüber treten zu wollen. Apropos Kokain: in dem so betitelten Song von RAF Camora bringt er die ökonomischen Rahmenbedingungen seiner Beziehung zu einer Frau (oder ihre wirtschaftliche Abhängigkeit) folgendermaßen auf den Punkt: „Ja sie macht alles für mich/ Hauptsache ich packe Natz auf den Tisch“. Ich hab nix gegen RAF Camora – „Palmen aus Plastik“ sind die zeitgenössischen „Künstlichen Paradiese“ von Baudelaire. Der Satz „Liebe und Hass liegen nah beieinander!“ hat seinen Ehrenplatz gleich neben „Entweder man liebt sie oder man hasst sie!“. Oft liest oder hört man das im Musik-Kontext, ohja, entweder man liebt die Band oder man hasst sie, ja natürlich, wir kennen ja nur Schwarz-Weiss, it's so Chanel. Wie schaut’s aus 2019 mit Grauzonen? Irgendeiner von den Rappern trägt im „Kokain“-Video logischerweise Accessoires von Off-White. Das Modelabel von Virgil Abloh erklärt sich so: „Defining the grey area between black and white as Off-White“. Karlie Kloss trug in der Herbst / Winter 2019 Show „His & Hers“ ein gelbes Seidenkleid. Vielleicht ist das Verhältnis von Liebe zu Hass so wie die Beziehung von Lady Gaga und Bradley Cooper: Alle glauben, die haben was miteinander, stimmt aber gar nicht. Die Traummaschine hat euch reingelegt.

Verena Dengler (*1981 Wien, lebt in Wien) studierte an der Akademie der bildenden Künste, Wien und an der Slade School of Art, London. Ihre Arbeiten waren in einigen Einzel- und Gruppenausstellungen zu sehen, u.a. in der Kunsthalle Bern (2017), im Museum für Angewandte Kunst, Wien (2013), im mumok, Wien (2013) im Kunstverein Leipzig (2017) und im Museion Bozen (2016). Sie ist Rezipientin des Museion Prize 1 (2017) und des Strabag Art Award International (2018). Sie unterrichtete an der Haute école d’art et de design Genf und ist mit ihren Arbeiten in einigen Sammlungen vertreten, u.a. Österreichische Galerie Belvedere, mumok, MAK Wien, Museion Bozen.

06.03.2019