"Dem Kino geht es so gut wie nie": Hans Scheugl im Interview

Hans Scheugl, Childhood Drawings (1949)
Ausstellungsansicht Künstlerhaus, Halle für Kunst & Medien, Graz, 2018, Foto: Markus Krottendorfer

Der Experimentalfilmemacher und Filmhistoriker Hans Scheugl über die Sonderstellung des experimentellen Films zwischen Kino und Kunst, warum Österreich in der Geschichte des Experimentalfilms eine besondere Rolle spielte und was vom Kino "immer wieder überbleibt"

2014/15 haben Sie mit Dear John ihren ersten Film nach mehr als 20 Jahren Pause realisiert. Warum diese lange Pause? Was haben Sie dazwischen gemacht? Und wie hat sich das Filmemachen für Sie in dieser Zeit verändert? 

Eine „Pause“ entstand, weil ich an keine meiner Arbeiten anknüpfen konnte oder wollte und mir erst durch den realen Bezug zu den wiedergefundenen und 50 Jahre alten Briefen eines amerikanischen Freundes namens John eine neue filmische Form möglich wurde. In der Zwischenzeit habe ich Bücher publiziert und mich mit Fotografie beschäftigt. Das digitale Filmemachen hat wesentlich dazu beigetragen, dass ich Dear John machen konnte. Ich begrüße es.

Sie haben sich nicht nur als Filmemacher, sondern auch als Autor und Chronist des experimentellen Films einen Namen gemacht. Warum blühte der Avantgarde- und Experimentalfilm Ihrer Meinung nach in den 1950er- und 1960er-Jahren gerade in Österreich derart auf? 

Wie in kaum in einem anderen europäischen Land fand eine Erneuerung des Spielfilms in Österreich nach dem Krieg nicht statt, und ein Zugang für eine junge Generation war unmöglich. Die Experimentalfilme boten einen künstlerischen Ausweg. Sie konnten an keine filmische Tradition aus der Zeit vor dem Krieg in Österreich anknüpfen, wohl aber an die Kunst der (österreichischen) Moderne. Die Filme waren alle mehr oder minder selbstfinanziert oder als Expanded Cinema eine Arte Povera und besaßen daher eine künstlerische Freiheit wie kaum sonst wo in Europa. Mehr dazu kann man in meinem Buch Erweitertes Kino. Die Wiener Filme der 60er Jahre nachlesen.

Wie hat sich der experimentelle Film dabei zur bildenden Kunst verhalten und wie zum Dispositiv „Kino“? Und welche Rolle spielte die Frage des „Materials“ für den Österreichischen Experimentalfilm? 

Der experimentelle Film stand zwischen bildender Kunst und Kino, war keinem der beiden Bereiche wirklich zugehörig und doch von der Herkunft beiden verbunden. Vorführungen in Galerien, Museen und Kinos waren „Gastspiele“. Vom Kunstbetrieb wurden die Filme weitgehend missachtet. Das änderte sich erst ab den 1970er Jahren, aber nur sehr langsam.

Um den Titel der Ausstellung im Künstlerhaus Graz, Was vom Kino übrig blieb, aufzugreifen – was bleibt Ihrer Meinung nach vom Kino heute übrig?  

Der Titel der Ausstellung kann nur so verstanden werden, dass das Kino tot sei. Ich behaupte, dem Kino geht es so gut wie noch nie. Nicht im Sinn von Einspielergebnissen vielleicht, aber sicher im Sinn von Anerkennung als überragendes Kunstmedium. Inzwischen dienen der Film und seine Geschichte den anderen Künsten bereitwillig als Material. Spielfilme und selbst Dokumentarfilme werden auf die Bühne gebracht, da neue Stücke, die die Gegenwart adäquat darstellen, fehlen; die postmoderne Kunst zerpflückt das Kino, wenngleich eher auf regressive Weise denn als Materialsuche für politisches Sprechen wie in den 60er Jahren. Der Dokumentar- und Essayfilm blüht. Alte und neue Filmmusik ist eine anerkannte Kunstform geworden und sehr aktuell. Man kann das alles als Erbe des Kinos abtun, ich sehe es als dessen Überschuss. Für mich müsste der Titel lauten: „Was immer wieder vom Kino überbleibt“.

Müller Dominikus – 13.03.2018

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