"Ich versuche, meine eigenen Wunschbilder zu schaffen" – Antoinette Zwirchmayr im Gespräch

Die Künstlerin Antoinette Zwirchmayr spricht im Interview über ihre Arbeit "Schliere im Aug", die Rolle von Körperlichkeit und die Materialität von analogem Film

Immer wieder hast du menschliche Körper ins Zentrum deiner Filme gestellt, in deinem Film „Schliere im Aug“ (2011), der in der Grazer Ausstellung zu sehen ist, sieht man, wie Finger zusammengenäht werden. Welche Rolle spielt Körperlichkeit für dich? 

In meinen Arbeiten ist der weibliche Körper, insbesondere seine Haut, ein zentrales Thema. So ist in meinem 16mm-Film „Untitled“ (2012) bildfüllend ein voluminöser, normensprengender Frauenkörper zu sehen. Bei den getrockneten Hautobjekten „Brust I & II“ (2013), die auf einem Metallgestell unter einer Glaskuppel präsentiert werden, handelt es dabei um Hautteile einer weiblichen Brust. Die Arbeit steht für die Trennung zwischen Innen und Außen, den Ort wo sich der fremde und der eigene Blick inskribieren. Obwohl die Haut an sich geschlechterlos ist, handelt es sich also um die Haut eines markanten weiblichen Körperteils. Möglicherweise will diese Frau die weibliche Hülle abstreifen, um in einen unmarkierten Raum eintreten zu können, einen Raum jenseits der Geschlechterdifferenz. 

Die Idee zur Arbeit „Schliere im Aug“ entstand im Februar 2010, nach einer Begegnung mit Evgen Bavcar, einem blinden slowenischen Fotografen. Für die Installation habe ich den Text des Gedichts „Schliere“von Paul Celan mit der Schreibtafel in Brailleschrift übersetzt und in schwarzes (belichtetes) Filmmaterial eingestanzt. Der Filmstreifen an sich ist durch physisches Abtasten für Personen lesbar. Es geht mir dabei um die unterschiedlichen Bedeutungen von Sehen und Fühlen, um Codes und die Werkzeuge, mit denen diese zu entschlüsseln sind, um die Einheit von Licht/Dunkel, Positiv/Negativ. Das Durchstechen der obersten Hautschicht und das Zusammennähen der Finger bezieht sich unter anderem auf den Inhalt des Gedichts von Celan.

Du arbeitest sehr oft mit analogem Filmmaterial und stellst in deinen Installationen häufig auch die Projektoren sichtbar mit aus. Du bist sowohl im Kino wie im Ausstellungsraum zuhause – welche Rolle spielen für dich diese Räume, welche Vorteile und Nachteile haben sie jeweils? 

Filminstallationen für den Ausstellungsraum und Filme für den Kinoraum sind gleichermaßen spannend und faszinierend für mich. Filminstallationen bieten die Möglichkeit, dass der Projektor im Raum sichtbar und hörbar ist. Die Zuseher_innen können so zum Beispiel die Distanz und den Standpunkt zur Maschine bzw. die Perspektive zur Projektionsfläche selbst bestimmen. Im Kinoraum hingegen sind Parameter wie Größe, Dauer, Distanz zur Projektionsfläche strikt vorgegeben. 

Was interessiert dich an der Materialität von Film? Wie steht es mit digitalen Technologien? Gibt es einen Grund, warum du diese nicht verwendest? 

Für jede Arbeit überlege ich individuell, welches Medium am besten dafür geeignet ist. Dabei versuche ich stets offen und neugierig für alle Medien zu bleiben. Ich lehne kein Medium kategorisch ab – auch nicht digitale Technologien. Dennoch entspricht die Herangehensweise, die das Arbeiten mit analogem Film erfordert, momentan sehr meinem künstlerischen Ansatz und meinen Bedürfnissen. 

Ganz allgemein gefragt: Auf was kommt es dir beim Bildermachen an? Gibt es eine bestimmte Qualität, die Bilder haben müssen, dass sie für dich interessant sind?

Im Kino, in Ausstellungen und besonders im Alltag ist eine Flut an beliebigen Bildern zu beobachten. Ich versuche durch meine präzisen Inszenierungen meine eigenen Wunschbilder zu schaffen und gleichermaßen der gegenwärtigen Willkür ein wenig entgegenzuwirken. 

Um den Titel der Ausstellung im Künstlerhaus Graz aufzugreifen: Was bleibt deiner Meinung vom Kino übrig?

Ich sehe kein Ende des Kinos bevorstehen. Es ist bloß seit je her ständiger Veränderung unterworfen.

17.04.2018

Verwandte Einträge