On View: "Was vom Kino übrig blieb"

exhibition view

Ein Rundgang durch die Ausstellung "Was vom Kino übrig blieb"

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John Baldessari , Space between: Glad hands, 1986

Schwarz-Weiß-Fotografie, 184,5 × 183,5 cm Courtesy Privatsammlung, Paris, & Sprüth Magers, Berlin

Der einflussreiche amerikanische Konzeptkünstler John Baldessari *1931 National City, lebt in Santa Monica) hat sich fortlaufend damit beschäftigt, Filmstandbilder zu collagieren und neu anzuordnen. Er untersucht die Mechanismen der medialen Repräsentation, indem er Bilder mit Texten und mit anderen Bildern in Beziehung setzt sowie einzelne Bildteile durch farbige und leere Flächen abdeckt und dadurch auslotet, wie die Elemente aufeinander reagieren. Bei dem ausgestellten Werk hat er Hände – und die Räume zwischen ihnen – als Ausgangsmaterial für seine künstlerische Bearbeitung herangezogen. Das rätselhafte Bild im Breitformat zeigt Hände von Menschen, aber auch von Affen und Ungeheuern. Das streng symmetrische und gänzlich in Schwarz-Weiß gehaltene Werk ist für John Baldessari eher untypisch. Die zentral positionierten Monsterklauen sind die einzigen Bildteile, die nicht rechtwinklig beschnitten sind, wodurch sie die Komposition stark dominieren.

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Erica Baum , Tiger (Naked Eye), 2015

Pigmentdruck auf Archivpapier, 45,72 × 37,47 cm / Courtesy Mr. & Mrs. Bonnin, Paris

Die US-amerikanische Fotografin Erica Baum (* 1961 New York, lebt in New York) zählt zur sogenannten Pictures Generation und beschäftigt sich in ihrer Arbeit mit der Materialität von Bildern und Texten. Für eine ihrer Werkserien fotografiert sie in Farbe leicht aufgeklappte Zeitschriften und Bücher über Film und gewährt so ungewöhnliche, voyeuristisch anmutende Einblicke in diese Bildbände. Es scheint, als führten die abfotografierten Druckwerke ein geheimnisvolles Innen- und Eigenleben. Dabei wählt Baum als Vorlage stets Schwarz-Weiß-Fotografien aus, die starke Emotionen ausdrücken. Durch das Abfotografieren der Bildträger erscheinen die Buchseiten als vertikale Linien und die Abbildungen perspektivisch stark verzerrt, wobei die Motive als solche immer gerade noch erkennbar bleiben. Die Künstlerin ist stark von der konkreten Poesie beeinflusst und betrachtet ihre Werke als eine zeitgemäße Form von visuellen (Bild-)Gedichten.

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Joseph Beuys , Das Schweigen, 1963 Ingmar Bergman

Fünf Original-Filmspulen, verzinkt, 25×38×38cm / Courtesy Deutsches Filminstitut, Frankfurt am Main / Schenkung Hanns Eckelkamp

Der deutsche Konzeptkünstler Joseph Beuys (1921 Krefeld – 1986 Düsseldorf) hat den dystopischen Spielfilm Das Schweigen (s/w, 1963) von Ingmar Bergman (1918 Uppsala – 2007 Fårö) endgültig zum Schweigen gebracht, indem er die fünf Filmrollen mit Zink und Kupfer überzog und sie so zur gleichnamigen Skulptur umfunktionierte. Der Film ist dadurch nicht mehr vorführbar, doch Beuys wollte dessen „geistige Energie“ wie in einer Art Batterie speichern und in einen Dialog mit dem Werk Bergmans treten. Auf jeder der fünf Filmrollen ist eine beschriftete Metallplakette angebracht, über die Beuys die fünf Akttitel des Spielfilms kommentierte. Der beklemmende Bergman-Film löste nach seiner Veröffentlichung aufgrund einiger für die damalige Zeit freizügiger Sexszenen einen Skandal und folglich eine Zensurdebatte aus. In dem Psychodrama sind zwei Schwestern in einem skurrilen Hotel in einem seltsamen Staat gestrandet, dessen Landessprache sie nicht verstehen.

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Jörg Buttgereit, Kopf einer Leiche aus Nekromantik, 1987

Requisite von Daktari Lorenz und Jörg Buttgereit, Plastik, Nylon, Latex, Kunsthaar, 20 × 15 × 16 cm / Courtesy der Künstler

Der deutsche Film-, Hörspiel- und Theaterregisseur, Autor und Filmkritiker Jörg Buttgereit (* 1963 Berlin, lebt in Berlin) ist von der Kritik als „Trash-Poet“, „Punk-Surrealist“ und „Underground-Ikone“ bezeichnet worden. In den 1980er- und 1990er- Jahren wurde Buttgereit vor allem durch seine (Low-Budget-)Arthouse-Horror- und Splatterfilme bekannt. Der passionierte und kompromisslose Autodidakt hat alle seine Filme selbst und unabhängig produziert. Für die Ausstellung stellt er einige Requisiten seiner Werke zur Verfügung, die er bis dato in seinem Privatarchiv aufbewahrt hat. Die Exponate sind Relikte der Filme Gazorra / Horror Heaven (DE, 1984), Nekromantik (DE, 1987), Schramm (DE, 1993) und Teenage Make Up (DE, 1998). Im Rahmen des Filmfestivals Diagonale wird der Trash-Kult-Klassiker Nekromantik zwanzig Jahre nach seiner Premiere wieder im Kino zu erleben sein. Die den Exponaten beigefügten Fotos sind Standbilder aus den jeweiligen Filmen.

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Anne Collier , Woman Crying #9, 2016 & Woman Crying #2, 2016

beide: C-Print, 134,6 × 89,6 cm / Courtesy die Künstlerin & Anton Kern Gallery, New York; Galerie Neu, Berlin; The Modern Institute / Toby Webster Ltd., Glasgow; Marc Foxx Gallery, Los Angeles

Die Arbeiten der US-amerikanischen Künstlerin Anne Collier (* 1970 Los Angeles, lebt in New York) werden der Appropriation Art zugerechnet, die mit Aneignungen und Bedeutungsverschiebungen arbeitet. Collier manipuliert sorgsam ausgewählte und medial vermittelte Bilder nur geringfügig, indem sie etwa den Bildausschnitt und den Rahmen verändert. In ihren reflexiven und repräsentationskritischen Arbeiten beschäftigt sich Collier vermehrt mit stereotypischen Abbildungen von Frauen und Dar- stellungen von Weiblichkeit. In einer ihrer Werkserien – von der hier zwei Beispiele ausgestellt sind – greift sie das Motiv der weinenden Frau in Film- und Popkultur auf. Dabei rückt sie die Träne stets in den Bildmittelpunkt und beschneidet das Bild so stark, dass jeweils nur ein weinendes Auge und der angrenzende Gesichtsbereich sichtbar bleiben. Eine andere Serie versammelt etwa Fotografien von Frauen, die Kameras vor ihren Gesichtern halten und so das männlich dominierte Blickregime brechen.

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Siegfried A. Fruhauf, Structural Filmwaste, 2003 & Structural Filmwaste. Dissolution 2, 2003

10 Fotografien, C-Print kaschiert auf Aluminium, je 70 × 100 cm; HD, s/w, 4 Min., Loop, Ton / Courtesy der Künstler

Die Installation Structural Filmwaste des Filmemachers Siegfried A. Fruhauf (* 1976 Grieskirchen, lebt in Wien) besteht aus einer Reihe von Schwarz-Weiß-Fotografien und einem digitalen Video. Die hartkontrastigen Fotos zeigen extreme Vergrößerungen von Filmkadern, die allesamt zerkratzt, zerrissen, verschrammt und verstaubt sind. Die Ästhetik dieser normalerweise unerwünschten Verschleißerscheinungen von analogem Filmmaterial wird zum Inhalt der seriellen Arbeit. Fruhauf hat diese eingescannten filmischen „Abfälle“ zusätzlich animiert und digital so weit abstrahiert, bis nur noch vertikale und horizontale Linien übrigblieben. Die rasante abstrakte Animation, die mit synthetischen Klängen unterlegt ist, wird im Ensemble mit der Serie von Fotografien präsentiert.

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Karl Holmqvist, Untitled (HALF MAN HALF BEAST), 2009

Collage (gerahmt), 120 × 87 × 4 cm / Courtesy der Künstler & Galerie Neu, Berlin

Der schwedische Künstler Karl Holmqvist (* 1964 Västerås, lebt in New York) arbeitet in erster Linie mit Texten. Er ist beeinflusst von der experimentellen Lyrik der Dadaisten, von William S. Burroughs’ (1914 St. Louis – 1997 Lawrence) „Cut-up“-Methode und von Graffitis und Street-Art. Schrift ist für ihn nicht nur ein Bedeutungsträger, sondern auch ein visuelles und ästhetisches Phänomen. Nur selten verwendet er – wie bei dem ausgestellten Werk – Fotografien, die er collageartig mit Worten kombiniert. Die beiden Hollywood-Stars Tom Cruise (* 1962 Syrakuse, lebt in Los Angeles) und Brad Pitt (* 1963 Shawnee, lebt in Los Angeles) sind als Vampire auf Standbildern des Horrorfilms Interview with the Vampire (US, 1994, Regie: Neil Jordan) zu sehen. Daneben sind Abbildungen, die Cruise als Hitler-Attentäter Graf von Stauffenberg zeigen, und Paparazzi-Fotos von Pitt mit seinen Kindern beim Verlassen eines Jets aufgebracht.

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Ryusuke Ito, Realistic Virtuality (Dinosaur Rules), 2002

CCD-Kamera, Motor, Lichttechnik, Mixed Media, 60 × 120 × 60 cm, (Miniatur, Sockel) / Courtesy der Künstler, Foto: Markus Krottendorfer

Der japanische Objektkünstler Ryusuke Ito (* 1963 Sapporo, lebt in Tokio) baut liebevoll kleinteilige Modelle, die mittels Elektromotoren bewegte Elemente beinhalten. Diese detailreichen animierten Landschaften und Räume im Kinderspielzeugformat werden mit an den Modellen angebrachten Minikameras abgefilmt und überlebensgroß an die Wand projiziert. Itos Installationen sind in Ausstellungssituationen so aufgebaut, dass das Publikum das Modell und die Projektion gleichzeitig erfassen kann. Mit diesem amüsanten Spiel über Größenverhältnisse referiert der Künstler nicht nur auf das Kino, das ja stets „bigger than life“ ist, er lässt sich auch von diesem anregen. Der in der Installation wandelnde Dinosaurier verweist auf Monsterfilme wie Godzilla (JP, 1954, Regie: Ishirō Honda) oder Jurassic Park (US, 1993, Regie: Steven Spielberg), das liegende Bett auf Horror-Movies wie Der Exorzist (US, 1973, Regie: William Friedkin).


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Björn Kämmerer, TRIGGER, 2014

35-mm-Film (auf 16-mm-Film), Farbe, 2 Min., ohne Ton / Courtesy der Künstler

In Björn Kämmerers (* 1977 Stralsund, lebt in Wien) 16-mm-Filmschleife sind durch Schwarzkader getrennte Einzelbilder aneinandergereiht, auf denen Zielscheiben in Menschenform zu sehen sind. Ursprünglich auf 35-mm-Film gedreht, verwendete der Filmemacher nur die überbelichteten Anfangskader jeder Aufnahme. Mittels der rasanten metrischen Montage und der martialischen Motive wird direkt auf die Betrachter_innen gezielt und gefeuert. Die mit Fadenkreuzen überlagerten Figuren blicken die Betrachter_innen unverwandt an. In der westlichen Tradition des narrativen Kinos sind solche direkten Blicke in die Kamera bzw. auf die Zuseher_innen unüblich, da sie das Publikum aus der bequemen passiven Beobachterposition nehmen. Kämmerer erwarb die verwendeten Zielobjekte während eines Aufenthaltes in den USA, wo diese lebensgroßen „Pappkameraden“ zu Übungszwecken für Schützen in Waffenhandlungen angeboten werden. Schusswechsel und Duelle gehören nicht nur im Western und im Kriminalfilm zu den beliebtesten Topoi. Kämmerers bedrohlich wirkende Arbeit spannt einen Bogen von der Fiktion zur Dokumentation, von der Immersion zur Reflexion.


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Johann Lurf, Twelve Tales Told, 2014

35-mm-Film / digital, Farbe, 4 Min., Ton / Courtesy der Künstler

Die Found-Footage-Installation Twelve Tales Told von Johann Lurf (* 1982 Wien, lebt in Wien) besteht aus einem Dutzend animierter Logos von Hollywood-Studios wie 20th Century Fox, Warner Bros. Entertainment oder Disney. Die Penetranz dieser omnipräsenten Vorspänne wird durch die systematische Schnellmontage, bei der die Animationen ineinander verschachtelt werden, ins Absurde gesteigert. Der Witz dieser in der Tradition des strukturellen Avantgardefilms angesiedelten Arbeit besteht darin, dass Lurf die opulenten und affirmativen Eigenwerbungen der weltweit größten Major-Studios verwendet, um daraus einen lauten, bunten und amüsanten Experimental lm zu montieren.


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Bernd Oppl, Unsichtbares Kino, 2016

Nylon, LED-Lampe, MDF, elektronisches Equipment, Kamera, Computer, Fernsehgerät, 17 × 30 × 40 cm / Courtesy Artothek des Bundes, Wien, Foto: Markus Krottendorfer

Bernd Oppl (* 1980 Innsbruck, lebt in Wien) hat für seine interaktive Installation Unsichtbares Kino den gleichnamigen legendären Kinosaal des Österreichischen Filmmuseums in der Wiener Albertina als Modell nachgebaut. Dieser Saal wurde in den 1960er-Jahren vom Filmemacher und Mitbegründer des Museums Peter Kubelka entworfen. Seine Idee eines idealen Kinosaals war ein Vorführraum, in dem nichts von der Leinwand ablenken sollte. Kubelka brach mit der Tradition des repräsentativen, prunkvollen Kinosaals und schuf einen völlig schwarzen und schmucklosen Raum. Oppls Architekturmodell ist als Guckkasten in Augenhöhe von zwei Seiten einer Wand aus einsehbar. Die Sitzreihen sind von vorn aus der Position der Leinwand zu sehen. Geht man um das Modell herum, erblickt man sein eigenes Konterfei in Großaufnahme auf der Leinwand des Unsichtbaren Kinos. Für wenige Augenblicke werden die Zuseher_innen zu Stars in der Modellwelt des Kinos.

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Katrin Plavčak, Neckties & Bitches, 2018

Film, Regie, Darsteller: Whity (Rainer Werner Fassbinder, Hanna Schygulla); The Producers (Musical in: Springtime for Hitler and Germany, Mel Brooks); Divine (diverse Filme, John Waters); Godzilla (Ishiro Honda), Öl auf Pappelholz, 245 × 170 × 250 cm / Courtesy die Künstlerin & Galerie Mezzanin, Genf, Foto: Markus Krottendorfer

Die in der Steiermark aufgewachsene Malerin Katrin Plavčak (* 1970 Gütersloh, lebt in Wien) hat eigens für diese Ausstellung fünf großformatige Skulpturen geschaffen, die aus verschiedenen Charakteren aus unterschiedlichen Dekaden der Filmgeschichte zusammengesetzt sind. Jede Figurengruppe ist einem bestimmen Thema gewidmet: Verwandlung, Arbeitswelt, Außenseiter, Wissenschaft und Panne, wilde Frauen. Respektlos und mit viel Witz lässt die Malerin unter anderem Woody Allen auf Darth Vader treffen oder Hedy Lamarr auf Godzilla. Diese fiktiven Charaktere aus der Filmgeschichte sind längst schon fixer Bestandteil des kollektiven Bildergedächtnisses der westlichen Gesellschaft. Plavčak referiert mit dieser Arbeit auf bestimmte Kinowerbungen, wie etwa jene „Pappkameraden“, die in Kinofoyers aufgestellt und an Kinofassaden angebracht werden.

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Eric Rondepierre, The Rope, 2013, Belle de jour, 2013, Frenzy, 2013, Breakfast at Tiffany’s, 2014, Charade, 2013, Shining, 2014, The man who knew too much, 2013

alle: Farbdruck auf Aluminium, schwarzer Holzrahmen, verschiedene Maße / Courtesy der Künstler

Der französische Fotograf Eric Rondepierre (* 1950 Orléans, lebt in Paris) hat in seiner Background-Serie Interieurs aus Meisterwerken der Filmgeschichte zu unheimlichen, menschenleeren Innenräumen im Panoramaformat arrangiert. Durch die Abwesenheit von Schauspieler_innen wird die Aufmerksamkeit auf die bewusste Gestaltung der Innenarchitektur, die Künstlich keit der Studiobauten und die stimmungsvollen Lichtsetzungen gelenkt. Jeder Raum hat seinen eigenen Charakter und erzählt seine eigene Geschichte, auch wenn sich kein Mensch darin aufhält. Die Wichtigkeit des Setdesigns wird generell unterschätzt, die Kritik und das Publikum nehmen nur selten davon Notiz. Durch die Eliminierung der Darsteller_innen lenkt Rondepierre die Aufmerksamkeit auf die „Hintergründe“ und weist ihnen sozusagen die Hauptrolle in dieser Werkserie zu.

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Constanze Ruhm, X Love Scenes, 2007

Videoloop, Farbe, 58 Min., Ton / Courtesy die Künstlerin, Foto: Markus Krottendorfer

Ausgangspunkt des Films X Love Scenes von Constanze Ruhm (* 1965 Wien, lebt in Wien) ist eine Urtrope des Kinos, die mit Thomas Edisons Film The Kiss aus dem Jahr 1896 beginnt: die filmische Konvention der Liebesszene, die hier als unaufgelöste, traumatisch besetzte Wiederholung inszeniert wird. An einem Filmset arbeiten eine Schauspielerin, eine Regisseurin und ein Scriptgirl, der männliche Hauptdarsteller ist abwesend. Er wird durch eine Markierung – ein weißes Kreide-X auf einer schwarzen Beleuchtungsfahne – ersetzt. Während das Scriptgirl den Text des abwesenden Darstellers einliest, spielt die Schauspielerin, deren Figur auf der Giuliana aus Michelangelo Antonionis Il deserto rosso (IT, 1964) basiert, ihre Liebesszene gegen eine Leerstelle. Die Rolle des Scriptgirls geht auf Nana aus Jean- Luc Godards Vivre sa vie (FR, 1962) zurück. Die „andere Seite“ des Blicks auf die Geliebte oder den Geliebten wird als Einstellung auf den Produktionsapparat als imaginäres Off und so als Gegenschuss zu einem Begehren inszeniert, das der ilmischen Liebesszene unauslöschlich eingeschrieben ist, hier jedoch ins Leere läuft.

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Hans Scheugl, Childhood drawings, 1949

2 Notizbücher, 21 × 31 cm / Courtesy der Künstler, Foto: Markus Krottendorfer

Im Alter von neun Jahren fertigte der spätere Experimentalfilmemacher und Autor Hans Scheugl (* 1940 Wien, lebt in Wien) Zeichnungen von Filmen an, die er zuvor im Kino gesehen hatte. Jeder Film wurde in Schulheften mit einer Zeichnung festgehalten, über die er den Filmtitel schrieb. Scheugl zeichnete jeweils eine bestimmte Szene aus dem Gedächtnis nach, die ihn besonders beeindruckt hatte. Das Aufbewahren der Hefte über einen derart langen Zeitraum erklärt Scheugl damit, dass sie ihm als ein Archiv seiner auf Filme bezogenen Erinnerungen dienen. Seine Liebe zum Kino hat ein Leben lang gehalten.

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Viktoria Schmid, W O W, 2018

Videoloop, Farbe, 2 Min., Ton / Courtesy die Künstlerin, Foto: Markus Krottendorfer

Die Sprengung eines Gebäudekomplexes der Firma Kodak in Rochester (US), in dem analoges Filmmaterial hergestellt wurde, steht im Mittelpunkt von Viktoria Schmids (* 1986 Neuhofen/Ybbs, lebt in Wien) Videoinstallation. Der seinerzeit weltweit führende Hersteller von analogem Film- und Fotomaterial und größte Arbeitgeber der Region inszenierte die Sprengung der Firmengebäude als publikumswirksames Spektakel, wobei die Zuschauer_innen vor Ort hauptsächlich ehemalige Mitarbeiter_innen waren, die selbst noch in diesem Werk gearbeitet hatten. Die Videokünstlerin remontierte das auf YouTube veröffentlichte private Videomaterial und lässt es rückwärts ablaufen. Aus den imposanten Aschewolken entsteht im Loop stets wieder eine neue Filmfabrik. Auch die Tonspur läuft rückwärts ab, was im Fall des titelgebenden und öfters zu vernehmenden Wortes „Wow“ akustisch keinen Unterschied macht.

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Michaela Schwentner, Figures (Women Under Influence), 2016

Fotografische Serie, 5 Fine Art Prints, je 72 × 102 cm / Courtesy die Künstlerin, Foto: Markus Krottendorfer

Michaela Schwentner (* 1970 Linz, lebt in Wien) greift für ihre fünfteilige Farbfotoserie auf ikonische Frauenfiguren aus dem Kanon des Autorenfilms zurück. Dabei nimmt sie eine originelle Transformation vor: An die Stelle der Filmarchitektur treten gewöhnliche Gebrauchsgegenstände und die weiblichen Charaktere werden durch Klebebänder symbolisiert, wobei die Farbe des Streifens dem jeweiligen Filmkostüm entspricht. Die Künstlerin bezieht sich auf bestimmte Szenen aus bekannten Filmen und übersetzt die Bewegungen der Darstellerinnen in Objekt-Assemblagen, bei denen die Klebebänder die Bewegungsfolgen aufnehmen und an den Gegenständen „nachbilden“. Eine ganze Filmszene wird so zu einem einzelnen Bild verdichtet. Die bewusst ärmlich wirkenden Alltagsobjekte stehen in einem krassen Gegensatz zum Glamour der weiblichen Stars, die als Vorbilder dienen. Die Assemblagen selbst dienen Schwentner wiederum als Modell für eine ebenso konzeptuelle wie enigmatische Fotoserie.

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Haim Steinbach, Untitled (7 bocci balls, Hulk), 2012

Holzregal mit Plastiklaminat, 7 Bocciakugeln aus Holz, Hulk-Figur aus Vinyl, 89,5 × 294,7 × 55,9 cm, Unikat / Courtesy Galerie Laurent Godin, Paris, Foto: Markus Krottendorfer

Haim Steinbach (* 1944 Rechovot, lebt in New York) arbeitet vorwiegend mit Massenprodukten und Readymades, aber auch mit natürlichen und ethnologischen Gegenständen, die er sammelt und arrangiert. Der Künstler untersucht die psychologischen, ästhetischen, kulturellen und rituellen Aspekte seiner Objekte, die er in humorvollen Kombinationen auf farbige Regalböden stellt. Die Figur des grünen Monsters Hulk wurde 1962 für Comicstrips in die Welt gesetzt; Ende der 1970er- und Anfang der 1980er-Jahre wurde dann eine gleichnamige TV-Serie ausgestrahlt. In den 1990er-Jahren entdeckte Hollywood den Charakter wieder, gegenwärtig tritt er in unterschiedlichen Superhelden-Filmen und Computerspielen in Erscheinung. Die von Steinbach aufgegriffene Actionfigur Hulk ist ein Verweis auf die Durchlässigkeit der Massenmedien und die verschiedenen Verwertungszusammenhänge in der gegenwärtigen Konsumgesellschaft.


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John Stezaker, Shadow XXVII, 2013

Fotocollage, 21,8 × 28,3 cm / Courtesy Sammlung Stolitzka, Graz

Das Œuvre des britischen Konzeptkünstlers John Stezaker (* 1949 Worcester, lebt in London) besteht aus Fotocollagen. Als Ausgangsmaterialien verwendet er gerne Postkarten und Porträtaufnahmen von Schauspieler_innen aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Seine Collagen sind zumeist aus zwei Bildern zusammengesetzt, die er in ungewöhnliche Konstellationen bringt. Bei den ausgestellten Werken legt Stezaker Landschaftspostkarten über die Porträts von Schauspieler_innen, sodass deren Augenpartie verborgen bleibt. Die Bilder werden aneinander angepasst; trotz der harten und klaren Schnitte wirkt es so, als würden die Motive ineinander übergehen. Die vorgenommenen Eingriffe sind ebenso simpel und minimal wie effizient und effektvoll. Die surreale Wirkung dieser Tableaus ist oftmals zweischneidig, die Fotocollagen changieren von unheimlich bis amüsant.


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Mika Taanila , Down aus der Serie Film Reader, 2017

Präpariertes Kinobuch, 23 × 17 × 0,3 cm / Courtesy der Künstler & balzer projects, Basel, Foto: Johnny Korkman

Der finnische Künstler, Filmemacher und Produzent Mika Taanila (* 1965 Helsinki, lebt in Helsinki) greift auf Filmbücher als Rohmaterial zurück. Durch präzise destruktive Eingriffe verwandelt er diese Fachbücher in dreidimensionale Kunstobjek te, die sowohl Collagen als auch Kleinplastiken sind. Einige dieser mittlerweile antiquarischen Werke haben die Filmgeschichtsschreibung maßgeblich beeinflusst und selbst annähernd Kultstatus erreicht. Der Material- und Objektcharakter des Mediums Buch wird in der Film Reader Series zur Disposition gestellt, wobei der Korpus und die Bindung erhalten bleiben, sodass jedes Buch stets auch als solches erkennbar bleibt. Der Titel und das Thema des jeweiligen Sachbuches bestimmen die Art des Eingriffs. In der ausgestellten Werkserie verwandelt Taanila Bildbände über populäre Filmschauspieler_innen in – im wörtlichen wie im übertragenen Sinn – „vielschichtige“ Collagen, die an dadaistische und surrealistische Traditionen anknüpfen.

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Antoinette Zwirchmayr, Schliere im Aug, 2011

16-mm-Film, s/w, 2:50 Min., ohne Ton / Courtesy die Künstlerin, Foto: Markus Krottendorfer

Die Künstlerin und Filmemacherin Antoinette Zwirchmayr (* 1989 Salzburg, lebt in Wien) greift für ihre Arbeit Schliere im Aug ein Gedicht des Lyrikers Paul Celan auf. Dieses wurde in deutscher Sprache in Braille- und in Lateinschrift normal und spiegelverkehrt auf Buchseiten gedruckt sowie in Brailleschrift in 16-mm-Filmstreifen gestanzt. Die beschriebenen Blätter werden auf einem Tisch hinter Glas liegend präsentiert, die Filmstreifen auf einem Leuchttisch. Daneben läuft im Loop-Modus ein 16-mm-Film ab, auf dem zu sehen ist, wie sich die Künstlerin, in einer Hand Nadel und Faden haltend, die Finger der anderen Hand zusammennäht. In dieser komplexen Arbeit verhandelt Zwirchmayr Fragestellungen zu Wahrnehmung und Übersetzung. Dabei werden Tast- und Sehsinn gegeneinander ausgespielt und gewohnte Lesarten hinterfragt.

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Lederjacke von Kurt Kren, ca. 1970

Courtesy SYNEMA – Gesellschaft für Film & Medien, Wien, Foto: Markus Krottendorfer

Der Filmemacher Kurt Kren (* 1929 Wien – 1998 Wien) war einer der bedeutendsten Vertreter der österreichischen Nachkriegs-Avantgarde. Bekannt war er vor allem für seine ganz spezielle Schnellschnitt-Methode, mit der er seine Filme Einzelbild für Einzelbild anhand vorher auf Millimeterpapier gezeichneter grafischer Partituren montierte. Er kollaborierte unter anderem mit den Wiener Aktionisten Günter Brus (* 1938 Ardning, lebt in Graz) und Otto Mühl (* 1925 Mariasdorf – 2013 Moncarapacho, Portugal). Kren war stets ein kompromissloser und radikaler Künstler und lebte unter einfachen Verhältnissen. Seine Garderobe beschränkte sich auf wenige Stücke und er trug zu jeder Jahreszeit dieselbe schwarze, mittlerweile legendäre Lederjacke.


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Nitro-Filmkader, Schlemmer-Filmkadersammlung, ca. 1900 – 1950

ca. 2500 Filmkader, digitalisiert, Farbe / Courtesy Österreichisches Filmmuseum, Wien

Durch Zufall erhielt Edith Schlemmer, die langjährige Filmarchivarin des Österreichischen Filmmuseums, eine Sammlung von ca. 2500 einzelnen Filmkadern, die ein Sammler aus frühen Filmkopien herausgeschnitten hatte. Vor dem seit den 1950er-Jahren gängigen „Sicherheitsfilm“ war Nitrozellulose (kurz: Nitro) das Material, aus dem Zelluloid hergestellt wurde. Nitrofilm ist jedoch leicht entflammbar und hat eine höhere Sprengkraft als Schwarzpulver, was in der Frühzeit des Kinos zu Brandkatastrophen und zu seiner Ablösung durch den Sicherheitsfilm führte. In der Ausstellung können daher nicht die originalen Nitro-Filmkader gezeigt werden, diese werden stattdessen stark vergrößert auf einem Monitor als „Diaschau“ präsentiert. An den historischen Einzelbildern lassen sich viele Spezifika des frühen Kinos ablesen: Bemerkenswert ist vor allem die Tatsache, dass die überwiegende Anzahl der Filmstandbilder nicht schwarz-weiß, sondern farbig ist. Die Stummfilme wurden entweder aufwendig Einzelbild für Einzelbild handkoloriert oder je nach Stimmung und Tageszeit nach bestimmten Farbcodes eingefärbt – beispielsweise waren nächtliche Szenen blau, Liebesszenen rot oder Außenaufnahmen bei Tag gelb getönt.

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Archivalien

Courtesy Österreichisches Filmmuseum, Wien, Foto: Markus Krottendorfer

Im Archiv des Österreichischen Filmmuseums finden sich nicht nur Filme, sondern auch viele Objekte, die im Laufe der Zeit angesammelt wurden. In Vitrinen sind einige ausgewählte Exponate zu sehen, wie etwa alte Filmdosen, Uniformen von Filmamateur_innen oder von Fans angelegte Hefte mit Zeitungsausschnitten über Filmstars. Gezeigt wird auch eine umfangreiche Sammlung von verschiedenen Glühlampen, die aus unterschiedlichen Typen von historischen Filmprojektoren ausgebaut wurden. Die Liebe zum Kino hat viele Gesichter und kann sich in unterschiedlichen Formen materialisieren. So bildet sich in den einzelnen Sammlungen des Österreichischen Filmmuseums nicht nur eine objektiv und wissenschaftlich betrachtete Historie ab, sondern auch die vielgestaltigen Leidenschaften und subjektiven Interessen der Menschen, die dort tagtäglich mit dem filmischen Erbe arbeiten.

Müller Dominikus – 13.03.2018

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